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«Psychisch belastete Mitarbeitende brauchen Orientierung und Unterstützung»

Wenn sich Leistung und Verhalten am Arbeitsplatz negativ verändern, steckt dahinter nicht selten ein psychisches Problem. Was können Vorgesetzte tun? Ein Gespräch mit Gabriele von Essen, Beraterin für Prävention und Job Coach bei der SVA Zürich.

Frau von Essen, welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie für Mitarbeitende mit psychischen Erkrankungen?

Viele von ihnen sind mit Homeoffice überfordert. Sie bekommen zuhause weniger Resonanz, Orientierung und Tagesstruktur als am Arbeitsplatz und es fehlen soziale Kontakte und gemeinsame Ziele. Ausserdem ist in gewissen Branchen die Arbeitsbelastung stark angestiegen. Denken Sie zum Beispiel an das Gesundheitswesen, den Onlinehandel oder die Logistik. Und nicht zuletzt fallen die Doppelbelastung durch Arbeit und Familie und die Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 mehr ins Gewicht als bei psychisch gesunden Menschen.

Welche Probleme können im Zusammenhang mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden auftauchen?

Betroffene Menschen können sich schwer eingestehen, dass es ihnen nicht gut geht und dass sie Hilfe benötigen. Vorgesetzte wiederum sind meist gehemmt und wissen nicht, wie sie zielgerichtet unterstützen können. Eine folgenreiche Situation. Denn Wegschauen statt Hinschauen und Schweigen statt Reden kann zu langen, krankheitsbedingten Absenzen führen.

Also sind die Früherkennung und der Wille zu handeln besonders wichtig?

Ja genau – und zwar für Arbeitnehmende wie Arbeitgebende. Wer seine psychischen Probleme mit Vorgesetzten und Ärzten rechtzeitig angeht, kann lange Absenzen und Prozesse zur Wiedereingliederung verhindern. Zudem wirkt sich eine Teilarbeitsfähigkeit während einer psychischen Krise oft auch stabilisierend auf den Gesundheitszustand aus. Psychisch krank muss nicht immer gleich arbeitsunfähig bedeuten. 

Auf welche Frühwarnzeichen sollten Vorgesetzte achten?

Meistens führen psychische Erkrankungen zu Veränderungen in der Stimmungslage, bei der Arbeitsleistung und beim Verhalten. Konkret bedeutet dies, dass Betroffene Mühe haben, sich zu motivieren und zu konzentrieren. Sie reagieren oft überempfindlich auf Kritik und arbeiten verlangsamt, unzuverlässig und weniger flexibel. Als Folge steigen die Kurzabsenzen. 

Was führt dazu, dass sich die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden verschlechtert?

Das ist eine wichtige Frage. Psychisch belastete Mitarbeitende brauchen klare Orientierung und Sicherheit. Problematisch sind Arbeitsprozesse, bei denen verständliche Anweisungen und Abläufe fehlen, oder ein Arbeitsklima, bei dem persönliche Kontakte, Empathie, Anerkennung und Wertschätzung für die geleistete Arbeit zu kurz kommen. 

Für wen ist das neue telefonische Kadercoaching gedacht?

Das Angebot richtet sich an Vorgesetzte und HR-Fachpersonen, die unsicher sind im Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden. 

Was sind der Inhalt und das Ziel der Beratung?

Führungskräften Sicherheit und Klarheit im Umgang mit psychisch belasteten Menschen zu vermitteln. Es geht dabei um die Fragen, wie Vorgesetzte Anzeichen frühzeitig erkennen, wie sie auf die betroffenen Mitarbeitenden zugehen und mit Ärzten zusammenarbeiten können. Wichtig ist, dass das Thema enttabuisiert und Hemmschwellen abgebaut werden. Im Zentrum steht die Analyse des konkreten Falls. 

Wo stösst das Kadercoaching an seine Grenzen?

Ich stärke in den Beratungen die Führungskräfte und schlüpfe dabei in die Rolle einer Vermittlerin. Ich rege zum Beispiel an, dass eine Vorgesetzte einen Mitarbeiter zur Früherfassung bei der SVA motiviert. Dann könnte die IV auch auf Arbeitnehmerseite aktiv werden. Ich kann aber nicht direkten Einfluss nehmen auf diesen Prozess oder die betroffene Person.

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Gabriele von Essen arbeitet seit über 10 Jahren als Beraterin für Prävention und Job Coach bei der IV-Stelle der SVA Zürich.

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